Familie und Arbeit global gesehen

Ein Plädoyer für echte Auszeiten

 

Eine sehr gute Freundin von mir zieht es immer wieder in die Ferne. Sie hat einen anspruchsvollen Job und gilt aufgrund ihrer speziellen Qualifikationen als eigentlich unentbehrlich. Trotzdem überzeugt sie alle ein bis zwei Jahre ihren Arbeitgeber, ihr mehrere Wochen oder gar Monate unbezahlte Extra-Auszeit zu gönnen. Diese Freundin verbrachte drei Monate in Tel Aviv, reiste wochenlang durch Amerika und jüngst eineinhalb Monate durch Australien. Ihr Konto ist danach leer, aber Laune, Energielevel und Arbeitsmotivation wieder auf Höchstniveau. Das weiß ihr Arbeitgeber sehr zu schätzen, wenn auch zähneknirschend. Dank des Argumentationstalentes dieser Freundin müssen ihre Chefs eingestehen, dass auch eine eigentlich unentbehrliche Mitarbeiterin mal eine echte Auszeit braucht.

 

 

Bei ihrer Reise durch Australien lernte diese Freundin - wie es passieren muss - Australier kennen. Sie wunderte sich zunächst, warum so viele von ihnen ebenfalls wochenlang unterwegs waren. Denn den Australiern stehen gesetzlich viel weniger Urlaubstage zu als den Deutschen. Nicht wenige waren dabei, ihr eigenes Land komplett zu umrunden. Dafür braucht man viel Zeit. Und das haben DIE Australier, die zehn Jahre lang ihrem Unternehmen, einer Organisation oder Behörde die Treue gehalten haben. Zu verdanken ist dies einer alten arbeitsrechtlichen Tradition, dem Long Service Leave. Je nach Bundesstaat erhalten australische Beschäftigte bei einem zehnjährigen Arbeitsjubiläum neun bis dreizehn Wochen vollbezahlten Extraurlaub.

Erfunden wurde der Long Service Leave vor über 150 Jahren. Damals sollte den Mitarbeitern in den australischen Kolonien die Möglichkeit gegeben werden, zumindest einmal pro Jahrzehnt in ihre Heimat England zu segeln. Und diese beschwerliche Reise dauerte eine Weile, deshalb die lange Auszeit. In einer Zeit, in der Australier nur noch knapp einen Tag brauchen, um bis ans andere Ende der Welt zu reisen, wirkt diese Institution der langen Auszeit etwas antiquiert. Doch die Australier haben sich daran gewöhnt. Und die Nutznießer möchten die Möglichkeit gesetzlich und bezahlt einen ordentlichen Urlaub genießen zu dürfen, nicht mehr missen.

Da sich auch in Australien der Arbeitsmarkt rasant schnell verändert, wird eine heftige Debatte darüber geführt, wie sich der Anspruch auf den Long Service Leave bei einem Arbeitgeberwechsel übertragen lässt. Es gibt auch durchaus Stimmen, die eine Abschaffung fordern. Vielen Unternehmern ist die Jubiläumsauszeit grundsätzlich schon lange ein Dorn im Auge. Die Gewerkschaften dagegen argumentieren, dass der Long Service Leave nicht antiquitiert, sondern in der heutigen hektischen Arbeitswelt nötiger denn je ist.

Zwar gelten Australier als Menschen, die ihre Freizeit sehr zu schätzen wissen, gerne draußen sind, Freunde treffen. Doch sie arbeiten, verglichen mit Europäern, recht viel. Burn-Out, Überlastungen, Work-Life-Balance: Das alles wird in Down Under sehr grundlegend diskutiert. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass eine der meist zitierten Studien über die Auswirkung von Stress auf die Gehirnfunktionen aus Australien stammt. Forscher des Melbourne Institut of Applied and Social Research stellten fest, dass die kognitive Leistung nach vier bis sechs Stunden rapide absinkt. 6000 arbeitende Menschen haben sie dafür untersucht. Drei Tage Arbeit die Woche à acht Stunden oder jeweils fünf Stunden auf fünf Tage verteilt halten die Melbourner Wissenschaftler für die optimale Arbeitszeit. Alles darüber hinaus bringe nicht viel.

 

Die negativen Auswirkungen von Stress und zu viel Arbeit auf die Gesundheit sind gut erforscht. Stress führt unter anderem zu einem erhöhten Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Rückenleiden. Das streitet kaum noch jemand ab. Dass zu viel Arbeit aber schlicht dumm macht und unproduktiv ist, wird noch wenig beachtet.

Das Bedürfnis nach Ruhe ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Der eine macht gerne häufig kurze Pausen, der andere arbeitet lieber durch, um dann zeitig in den Feierabend zu gehen. Die einen haben ein gutes Gespür für ihre körperlichen und geistigen Grenzen, die anderen überlasten sich schnell und regelmäßig. Der Gesetzgeber hat deshalb mehr oder weniger ausreichende Mindeststandards geschaffen, damit die arbeitende Bevölkerung vor ihren ehrgeizigen Arbeitgebern, aber auch vor ihrem eigenen Übereifer geschützt werden.

Das Bedürfnis nach Ruhepausen variiert nicht nur individuell, sondern auch von Kultur zu Kultur sehr stark. In Spanien zum Beispiel gibt es eine angeregte Debatte um die traditionelle Siesta. Für viele ist die ausgedehnte Mittagspause eine willkommene Pause, ohne die sie nicht leben und vor allem nicht arbeiten können. Eltern mit kleinen Kindern dagegen macht der verlängerte Arbeitstag das Leben schwer. Denn Kitas und Schulen passen sich nicht an die Siesta-Zeiten der Arbeitswelt an. Die Spanier bemühen sich gerade um einen Kompromiss.

Eine Flut an wissenschaftlichen Studien zum Thema weist auf eines hin: Der weitaus überwiegende Teil der arbeitenden Bevölkerung in den Industrieländern macht viel zu selten eine Pause. Karl Ericsson von der Florida State University hat mit hochausgebildeten Spezialisten aus verschiedenen Branchen ein Experiment gemacht. Sie sollten bei völlig freier Zeiteinteilung ihre optimale Arbeitszeit selbst bestimmen. Alle pendelten sich automatisch zwischen 21 bis 35 Stunden in der Woche ein. Bei fünf Stunden am Tag war bei fast allen die maximale Konzentrationsgrenze überschritten. Sie leisteten nicht weniger als vor dem Experiment, waren allerdings zufriedener und ausgeruhter.

Da die Menschen in fast allen Industrieländern inzwischen wieder mehr arbeiten, sind solche Studien wichtiger denn je. Doch statt über eine echte Reduzierung von Arbeitszeit nachzudenken, entstehen immer wieder neue Konzepte, wie sich jede Minute des Lebens noch intensiver nutzen lässt, ganz besonders in der Freizeit. Es scheint viel wichtiger zu sein, wie die Zeit genutzt wird statt möglichst viel freie Minuten bereit zu stellen, damit jeder nachhaltig und seinen eigenen Bedürfnissen entsprechend Pause machen kann.

Quality Time ist ein Schlagwort, das diese Debatte weit über den anglo-amerikanischen Sprachraum hinweg prägt. Nicht die Menge an Zeit, die wir für unsere Freizeit zur Verfügung hätten, sei wichtig, sondern wie wir diese freie Zeit verbringen. Die Diskussion keimte bereits vor einigen Jahrzehnten auf, nachdem eine Welle von Studien veröffentlicht wurde, die die Wichtigkeit intensiver Zuwendung von Müttern zu ihren Kindern betonten. Im Zentrum der Debatte stand eine Untersuchung von Alison Clarke-Stewart der University of California. Je aktiver Mütter sich mit ihren Babys beschäftigten, mit ihnen viel quatschten und spielten, so ihre Forschungsergebnisse, umso besser war die soziale und kognitive Entwicklung ihrer Kinder.

"Qualitativ hochwertiges" Beisammensein schien nach den Forschungsergebnissen von Clarke-Stewart belanglos miteinander verbrachte Stunden eindeutig zu schlagen. Den Babyboomern verschaffte das erleichterndes Beweismaterial, dass sich zwei Karrieren mit einer hohen wöchentlichen Arbeitsbelastung gut mit dem Familienleben vereinbaren lassen, solange nur genügend auf Quality Time geachtet werde. Ein Disney-World-Besuch mit der Tochter, mit Sohnemann ins Eishockey-Stadium, mit dem Partner zum Candle-light-Dinner. Dass Clarke-Stewart nicht zur kollektiven Verdichtung von Freizeit aufrufen wollte, sondern aufgrund ihrer Erkenntnis das Gegenteil propagierte, fiel in der Debatte schnell unter den Tisch. "Um hochwertige Momente zu ermöglichen, muss man schon eine gehörige Menge an purer Zeit investieren", betonte Clarke-Stewart bei der Veröffentlichung der Studie. " Nicht nur zehn Minuten in der Woche." Dieser Zusatz wurde von vielen überhört.

"Viele arbeitende Familien sind die Gefangenen und die Architekten Ihrer eigenen Zeitzwänge", schreibt die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild in "Keine Zeit". Für viele sei das Büro zum neuen Zuhause geworden. Denn neben Quality Time mit ihren Liebsten erwartet diejenigen, die sich nicht eine große Armada häuslicher Hilfen leisten können, nach dem Tag im Büro viel anstrengende Hausarbeit, die in kurzer Zeit erledigt werden muss. Die bezahlte Arbeit mit ihren klaren Strukturen, für die man zudem auch noch bezahlt und im günstigen Falla auch gelobt wird, erscheint attraktiver als die häufig undankbare Hausarbeit.

 Arlie Hochschilds Schriften wurden von konservativer Seite häufig zweckentfremdet, um arbeitenden und ganz besonders karriereorientierten Müttern ein schlechtes Gewissen einzureden. Arbeitende Mütter empfinden häufig ein größeres Schuldgefühl gegenüber ihren Kindern als ihre ebenfalls hart arbeitenden Partner. Sie verzichten auch eher auf eine Karriere. Aber dass Kinder viel Zeit mit ihren Eltern brauchen, kann nicht das Problem der Mütter allein sein, es ist eine Familienangelegenheit, ganz besonders auch eine gesellschaftliche Angelegenheit. Menschen, die sich um andere kümmern müssen und möchten, brauchen Zeit. Doch das kann nicht auf Kosten einer Personengruppe gehen.

Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice erleichtern die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Aber der Tag hat trotzdem und weiterhin nur 24 Stunden. Arbeitszeit muss besser verteilt und kondensiert werden, damit mehr Quantity Time fürs Privatleben übrig bleibt, für jeden von uns.

Ob mit oder ohne Kinder, viele wären bereits froh, ihre Arbeit würde ihnen erlauben, einigermaßen entspannt ihren Alltag zu meistern, vielleicht gar ein Ehrenamt auszuüben. Regelmässig echte Zeit für Muße erscheint den meisten wie ein Konzept aus fernen Zeiten, als man noch für eine Reise nach Italien selbstverständlich mehrere Monate in Anspruch nahm - wenn man denn das nötige Kleingeld dazu hatte.

 

Erwachsene und Kinder müssen auch mal so etwas wie Langeweile erleben dürfen, um sich richtig zu erholen und auf frische Gedanken zu kommen. Und diese schöne, inspirierende und befreiende Langeweile entsteht fern des Alltags vor allem beim Reisen. Ich schalte erst dann richtig ab, wenn ich weit weg von Zuhause bin, durch fremde Städte schlendere, fremde Sprachen höre, vor dem Kamin einer Berghütte sitze. Langeweile ermöglicht es mir, in Gedanken zu wandern. Ich kann erst dann Tagträumen nachhängen, wenn ich viel freie unverplante Zeit zur Verfügung habe.

Jerome L. Singer beschreibt in seinem Buch "Daydreaming: an Introduction to the Experimental Study of Inner Experience" zwei mentale Funktionsbereiche:  den Arbeitsspeicher und das Tagträumen. Beide könnten nicht gleichzeitig operieren. Solange unser Arbeitsspeicher aktiviert ist, hat das Tagträumen keine Chance. Nur nach außen hin erscheint Tagträumen vielleicht als faul, von innen heraus betrachtet findet ein komplizierter neurologischer Prozess statt. Evaluation, Erinnerungsverarbeitung, autobiografisches Planen, zielgerichtete Gedankenfindung, Zukunfstplanung, Durcharbeiten tiefer persönlicher Erinnerungen, Reflektion der Bedeutung von Erfahrungen und Erlebnissen, die Einnahme der Perspektive anderer, die Erfassung des Selbst, das Überdenken moralischer und ethischer Grundsätze: Das alles macht nach Meinung von Scott Barry Kaufmann, Rebecca McMillan und Jerome L.Singer erst das Tagträumen möglich. 

Ich möchte Ihnen zwischendurch zwei Fragen stellen:

Wann haben Sie zum letzten mal im Gras gelegen und die vorbeiziehenden Wolken beobachtet? 

Wann sind Sie zum letzten mal zu einen Spaziergang aufgebrochen, ohne das Handy dabei zu haben? 

Es ist nicht einfach zu lernen nur zu sein, Stille zu schätzen und den Gedanken nachhängen. Quality Time ersetzt nicht Quantity Time. Beziehungen lassen sich nicht wie Geschäftsbeziehungen organisieren. Sie funktionieren nicht nach Excel-Tabellen und verweigern sich gern Optimierungszwängen. Beziehungen brauchen Zeit und Gelegenheiten. Wenn der eine Lust auf intensives Zusammensein hat, möchte der andere sich vielleicht lieber zurückziehen. Es braucht viel Zeit und Möglichkeiten, um Quality Time wirklich eine Chance zu geben. Viele sprechen in der Regel erst dann von Quality Time, wenn sie schlicht zu wenig Zeit haben. Quality Time ist somit vor allem ein Symptom von akutem oder gar chronischem Zeitmangel.

Jeder Mensch gelangt mit unterschiedlichen Stundenzahlen und unterschiedlichen Pausen zu Höchstleistungen. Die Freundin, die in Australien auf zahlreiche Langzeit-Urlauber stieß, braucht immer mal wieder längeren Abstand von ihren Kollegen, um sich danach wieder mit vollem Elan in ihren Aufgaben zu stürzen. Andere arbeiten grundsätzlich und regelmässig gerne weniger. One seize fits all ist in Sachen Arbeitszeit kein tragfähiges und nachhaltiges Konzept. Eine ordentliche Auszeit ab und an täte allerdings allen gut, ganz besonders den Chefinnen und Chefs. Der australische Long Service Leave mag altmodisch wirken und auf dem erstem Blick nicht jedem schmecken. Aber wer könnte nach zehn Jahren intensiven Arbeitslebens nicht eine echte Pause gebrauchen?

mehr zum Thema : www.soziologen-labor.de

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Kommentare: 1
  • #1

    Jose Lorence (Mittwoch, 01 Februar 2017 18:50)


    Excellent way of describing, and fastidious post to get facts concerning my presentation subject, which i am going to deliver in academy.