Familie und Arbeit global gesehen

Warum Burnout keine Privatangelegenheit sondern Chefsache ist

Ich muss zugeben: Es gibt im Feld der Arbeitswissenschaften einige Studien, bei denen man schon anhand der Eingangsfrage das Ergebnis erraten kann. Dazu gehört beispielsweise die Forschungserkenntnis, dass Menschen mit einer 30-Stunden-Woche weniger gestresst sind und sich besser konzentrieren können als diejenigen, die 50 Stunden in der Woche arbeiten. In diese Kategorie fällt auch die Einsicht, dass cholerische Chefs im Unternehmen großen wirtschaftlichen Schaden anrichten.

 

 

Vor wenigen Tagen las ich  äußerst gespannt in einer Untersuchung, bei der nach ein paar Zeilen alles andere als klar war, wie sie ausgehen würde. Geschrieben hat diesen Soziologen-Krimi Gunvor Christensen, derzeit Wissenschaftlerin am Danish National Center for Social Science. Sie hat dänische und israelische High-Tech-Mitarbeiter auf ihr Burnout-Risiko untersucht. Ich verrate zunächst einmal nur eines: Ich habe auf ein völlig anderes Ergebnis getippt. Doch dazu später.

---- Jeder scheitert für sich persönlich ----

Kulturvergleichende Studien wurden in der Stressforschung lange belächelt. Zum Glück gibt es  inzwischen trotzdem eine Fülle länderübergreifender Studien  mit sehr überraschenden Ergebnissen. Drohender Arbeitsplatzverlust zum Beispiel wird von Land zu Land sehr unterschiedlich wahrgenommen. Die Deutschen haben ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis, Chinesen dagegen können mit Unsicherheiten besser umgehen, haben häufig eine eher fatalistische Einstellung zum Leben. (Paul Wong und Kollegen, 2006). Es kommt halt wie es kommt. Eine Einstellung, mit der die meisten Deutschen eher nicht so viel anfangen können. Sie internalisieren Probleme im Job auch viel stärker als chinesische Mitarbeiter, tendieren dazu, äußere Umstände in schwierigen Situationen auszublenden. Jeder scheitert für sich persönlich.

Bei einer Hochzeitsfeier stand ich kürzlich plaudernd mit einem netten Bekannten zusammen. Wie es hierzulande häufig passiert, sprachen wir recht schnell über die Arbeit. Er erzählte mir, dass ihm sein Job, er erarbeitet für einen Zulieferer in der Autoindustrie, recht viel Spaß macht. Obwohl er nur selten Überstunden leisten müsse, fühle er sich jedoch nach Feierabend regelmäßig völlig erschöpft. Die Arbeitsintensität habe enorm zugenommen. Burn-Out sei in seinem Unternehmen recht verbreitet. "Doch diejenigen, die sich dann auch offiziell krankschreiben lassen, sind dann weg vom Fenster", berichtete er kopfschüttelnd.

---- Erschöpfte Mitarbeiter werden nicht mehr ernstgenommen ----

Die Diagnose Burnout bedeutet für seine Kollegen das Ende der Karriere. Sie gelten als nicht mehr belastbar. Es gibt zwar ein betriebliches Burnout-Wiedereingliederungsproramm, das funktioniert allerdings eher wie ein Streichelzoo. Die erschöpften Mitarbeiter werden gehätschelt, aber nicht ernst genommen. Es wird nicht die Frage gestellt, was das Unternehmen selbst zum Burn-Out beigetragen habe, dass möglicherweise ein starker Zusammenhang zwischen wachsender Erschöpfung und steigender Arbeitsintensität besteht.

Wie in dem Unternehmen meines Bekannten gilt ein schwerer Erschöpfungszustand in vielen anderen Firmen und Organisationen grundsätzlich noch immer als ein privates Problem. Burnout verursacht zwar betriebswirtschaftlich Kosten, zieht aber keinen großen kollektiven Handlungszwang nach sich. Die Personalabteilung handeln oberflächlich empathisch, haben das Problem in ihren Wurzeln alles andere als durchdrungen.

---- Ursachen für Burnout sind viel komplexer ---- 

Ärzte und Psychologen stehen unter einem gewissen Handlungsdruck, das gesellschaftliche Problem Burnout individuell zu therapieren und damit zu lösen. Sie weisen häufig auf einen starken Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstruktur und Burnout hin. Perfektionistische Menschen seien stärker gefährdet als Menschen, die auch mal locker lassen können. Das ist natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen, die Ursachen sind allerdings viel komplexer. Burnout-Patienten erhalten von ihren Therapeuten zwar viele wertvolle Tipps zur Stressbewältigung, erkranken häufig aber schnell wieder, wenn sie zurück am Arbeitsplatz sind.  Denn die Umgebung, die den Stress verursacht hat, ist immer noch dieselbe. Die unverhältnismäßig hohe Arbeitsbelastung, unklare Erfolgskriterien, großer Zeitdruck, mangelnde Einflussmöglichkeit oder auch ein schlechtes Betriebsklima nagen weiterhin am Energiehaushalt der Beschäftigten.

 

Unternehmenskulturen entstehen und wandeln sich nicht völlig losgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen. Gesellschaften, in denen Arbeit als sinn- und identitätsstiftend gilt, produzieren eher Erschöpfungszustände als Kulturen, in denen der Job vor allem ein Job ist, nicht mehr und nicht weniger. Wer sich vor allem über seinen Beruf definiert, geht in schwierigen Situationen und Zeiten ein großes Risiko ein, sich völlig auszulaugen. Und genau an diesem Punkt möchte ich gerne das am Anfang genannte Soziologen-Rätsel lüften: Nein, es sind nicht die Dänen, die seltener ausbrennen als die Israelis, trotz ihrer skandinavischen Feierabend-Mentalität. Die Israelis sind viel besser darin, sich von der stressigen, globalisierten Arbeitswelt nicht groß beeindrucken zu lassen. Und das schlägt sich auch in der Stimmung am Arbeitsplatz nieder.

Israelis bringen Probleme im Job und Stress eher mit externen Faktoren in Verbindung, mit dem Zeitdruck, den Arbeitsbedingungen, der politischen Lage. Keine der von Gunvar Christiensen interviewten israelischen High-Tech-Mitarbeiter nahm Kritik bei der Arbeit wirklich persönlich. "Es geht um die Arbeit, nicht um Dich", lautete ein Standardsatz. Die Dänen definieren sich dagegen stark über ihren Job, sind sehr wettbewerbsorientiert. Sie beklagen im Gegensatz zu den Israelis auch stärker die mangelnde Kontrolle über ihre Arbeitsbedingungen. Von israelischen Mitarbeitern wird es dagegen regelrecht erwartet, dass sie meckern, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Und oft hat das Meckern auch Erfolg. Für die Chefs und Chefinnen ist das vielleicht ein weniger anstrengender, für die Belegschaft insgesamt aber gesünder. Israelis, so auch meine Erfahrung bei diversen Reisen ins Land, sind ein diskursfreudiges Volk. Sie diskutieren und streiten leidenschaftlich, auch am Arbeitsplatz.

---- Essen, atmen, arbeiten ----

In Sachen Burnout-Prävention ist aber eines noch viel wichtiger: Während die Dänen sich stark auf ihre Kleinstfamilien konzentrieren, in einer sehr individualistischen Gesellschaft leben, können sich die Israelis in der Regel auf einen sehr großen Freundeskreis und eine loyale Groß-Familie stützen. Die sozialen Verbindungen sind für sie auch viel stärker identitätsstiftend als die Arbeit. "Arbeit ist Teil des Lebens" berichtet ein High-Tech-Mitarbeiter in der Studie von Christiensen. "Man isst, man atmet, man arbeitet." Identität schaffen die Freunde, die Familie, das Leben an sich in all seinen Facetten. 

 

Hierzulande könnten sicherlich viele von der israelischen Erkenntnis profitieren, dass man seinen Job gewissenhaft und gut machen kann, Arbeit aber nicht alles sein darf. Das Leben hat mehr zu bieten, im Zweifel sind Familie und Freunde wichtiger. Noch wesentlich ist allerdings, dass die Unternehmen umdenken und Burnout nicht mehr als ein rein privates Problem betrachten. Vielen Chefs würde in stressigen Zeiten eine gewisse Verhältnismäßigkeit guttun. Geht es nun wirklich um so viel, dass es sich das Risiko lohnt, die Mitarbeiter auszubrennen? Der Manager eines israelischen High-Tech-Unternehmens formulierte diese Rückbesinnung auf die Verhältnismäßigkeit folgendermaßen: "Wenn man eine Deadline gesetzt bekommt und man kann sie nicht erfüllen, liegt die Welt nicht gleich in Schutt und Asche." Recht hat er.

Mehr zum Thema: www.soziologen-labor.de

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Kommentare: 1
  • #1

    Loma Shumway (Freitag, 03 Februar 2017 15:21)


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