Familie und Arbeit global gesehen

Arbeiten, Mensch bleiben

 

"Der Computer arbeitet deshalb so schnell, weil er nicht denkt“, schrieb einst der Journalist und Satiriker Gabriel Laub. Und auch Herr Virchow, nach dem viele Kliniken benannt sind, erkannte früh: „Es wird ja fleißig gearbeitet und viel mikroskopiert, aber es müsste mal wieder einer einen gescheiten Gedanken haben.“ Menschen sind keine Maschinen. Ebenso ist ihre Arbeitskraft rational nur bedingt berechenbar.

 

 In den 80er Jahren, vor über 30 Jahren, bemühten sich die deutschen Gewerkschaften den zunehmend fordistisch und tayloristisch organisierten Betrieben, Unternehmen und Konzernen hierzulande ein wenig Humanismus einzuhauchen. Diese Bemühungen sind inzwischen längst Schall und Rauch. Um die Gewerkschaften ist es sehr still geworden. Wenn Unternehmen sich heutzutage um das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter kümmern, sind sie vor allem an Effizienzsteigerungen interessiert. Denn zufriedene Mitarbeiter sind produktiver.

„Unternehmen sind ausschließlich dazu da, möglichst viel Gewinn zu erzielen“, behauptete einst Milton Friedman, der Großvater des Neoliberalismus. Diesen Satz sollte Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Von dem Geld sehen Sie trotz aller Plackerei in der Regel herzlich wenig. Denn der Gewinn kommt vor allem den Aktionären und dem obersten Management zugute. Denen wiederum ist Ihr Wohlbefinden herzlich egal. Freud und Leid beim Erwirtschaften des Gewinns ist für den Anteilseigner nur eine Zahl, die kein menschliches Antlitz besitzt. Wohltätigkeit ist nach der Theorie von Milton Friedman dem Privatmenschen, vor allem aber auch dem Staat überlassen. Der klangvolle Begriff Corporate Social Responsibility ist bisher nur für wenige Unternehmen Teil des Wirtschaftsethos, für sehr viele bleibt er Maskerade.

Die Anforderungen der Arbeitswelt haben sich in den vergangenen Jahren massiv verändert, das Bild von der idealen Angestellten, dem idealen Angestellten, dagegen entspricht weiterhin dem Modell der 50er Jahre. Die Wunsch-Beschäftigten, die es durch die vielfältigen Rekrutierungs-Phasen schaffen, sind jederzeit höchstmotiviert, einsatzbereit, werden nicht müde und haben ein Privatleben, das flexibel ist wie ein Kaugummi und außerdem dafür sorgt, dass sie oder er morgens erholt und fröhlich zur Arbeit erscheint. Der Unterschied zu den 50er Jahren ist allerdings, dass Zuhause nicht mehr die Ehefrau freundlich lächelnd mit dem dampfenden Abendessen wartet und die Puschen bereitstellt. Sie kommt ebenfalls zur gleichen Zeit erschöpft von der Arbeit nach Hause, nachdem sie kurz zuvor noch die Kinder aus dem Schulhort abgeholt hat.

Dies ist nicht noch ein weiteres Klagelied gegen die angebliche Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, gegen die zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten am Arbeitsmarkt, zumindest nur am Rande. Ich möchte Sie dazu ermuntern, ganz grundsätzlich über die Arbeit, Ihre Arbeit, nachzudenken. Ob Sie nun Mann oder Frau sind, noch recht jung oder schon ein wenig älter, ob Sie Kinder haben oder nicht: Ihr Bedürfnis ist möglicherweise in den vergangenen Jahren gewachsen, dem Verhältnis von Arbeit und Privatleben einen philosophischen Überbau zu verpassen. Ebenso hat sich bei Ihnen vielleicht in jüngster Zeit auch ein gewisses Gefühl der Machtlosigkeit eingeschlichen, angesichts wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zwänge keinen großen Spielraum zu haben.

Wie dieser philosophische Überbau individuell beschaffen ist, möchte ich Ihnen nicht vorkauen, Ihnen als Futter allerdings gerne drei Fakten ans Herz legen:

1. Pro Stunde wird soviel gearbeitet wie nie zuvor. Der Mensch ist produktiver denn je.

2. Alle arbeiten insgesamt viel mehr als ihnen guttut.

3. Trotzdem wird kaum noch jemand allein durch Arbeit wohlhabend.

Otto und Ottilia NormalverbraucherIn arbeiten intensiver und mehr, haben weniger Freizeit und profitieren nicht wirklich von ihrer Plackerei. Der Mehrwert, den sie erzeugen, wird an anderer Stelle ausgeschüttet. Otto und Ottilia müssen sich außerdem damit beschäftigen, neben dem anstrengenden Job in immer weniger Zeit die privaten Verpflichtungen zu erfüllen, von Spaß haben ganz zu schweigen.

Obwohl sich immer mehr Menschen wegen mangelnder Vereinbarkeit richtig gestresst fühlen und sehr viele darüber krank werden, gilt „Work-Life-Balance“ weiterhin als ein „weiches" Thema. Die Diskussion über den Einklang von Arbeit und Privatleben landet also schnell in der Kategorie Luxusdebatte, frei nach dem Motto: „Auf die Arbeit schimpft man nur solange, bis man keine mehr hat.“ Diese Karte wird von den Unternehmen gnadenlos gespielt.

Gute Arbeitsbedingungen gehorchen bisher dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Eine gewisse, sehr kleine Klientel hochbegehrter Spezialisten wird mit einer guten Work-Life-Balance an den Arbeitsplatz gelockt, während der große Rest darum betteln muss. Forderungen nach einer gesetzlichen, branchenübergreifenden Arbeitszeitverkürzung werden von Unternehmern, Vorständen, aber auch von vielen Politikern schnell als lächerlich und wirtschaftsschädigend abgetan. Dabei zeigt eine Fülle an Studien: Kaum ein Mensch ist nach sechs Stunden Arbeit noch wirklich produktiv. Für eine Weile lässt sich ein wenig mehr herausquetschen, doch je mehr Stress der Mensch erfährt, um so länger braucht er auch, um sich zu regenerieren.

Um die Maloche trotzdem schmackhaft zu machen, haben sich die Unternehmens- und Managementberater einen Trick überlegt: Wer Spaß bei der Arbeit hat, sieht auch mal über schlechte Bezahlung hinweg, verzichtet in Einzelfällen sogar völlig darauf. Air Berlin legte jüngst „jungen Kreativen“ nahe, einen Kurzfilm für das Unternehmen zu produzieren. Zahlen wollten sie dafür nicht. Stattdessen: „Neben der Referenz winken Gutscheine für Flüge sowie die Aussicht auf weitere Kooperationen.“ Ruhm statt Geld. Arbeit 4.0. hat danach also nicht mehr viel mit der Erfüllung materieller Bedürfnisse zu tun. Sie wird mit Leidenschaft und größter Motivation erledigt, gerne auch mal umsonst. Schade nur, dass Ruhm (in diesem Beispiel eine hohe Social Media Präsenz) allein zum Überleben nicht reicht.

Männer und Frauen haben ihren Beruf mit echter Passion zu erfüllen. Sie stürzen sich mit Elan in die Arbeit, machen auch gerne Überstunden. Einfach nur seinen Job erledigen zu wollen, das geht weder für einen Bauarbeiter noch einen Sparkassenangestellten, auch nicht für die Männer der Berliner Müllabfuhr, die in Spaßmobilen mit klingenden Namen wie "Bürstentier", "Satur Night Feger" und "Bemannte Räumfahrt" die Hauptstadt säubern. Arbeit schafft Sinn im Leben, vor allem dann, wenn das Leben fern des Jobs große Leerstellen aufweist.

Zugegeben, den Deutschen Spaß bei der Arbeit nahezulegen bedeutet alles andere als Eulen nach Athen bringen. Ein pakistanisch-britischer Kollege meines Mannes, der bei einem deutschen Fernsehsender arbeitet, fühlt sich angesichts der starren Stimmung ab und an genötigt, in der Redaktion Cheerleading zu betreiben. "Kommt schon, Leute, wir sind bei der Arbeit, nicht bei einer Beerdigung." Seine ernsthaften deutschen Kollegen erscheinen ihm ein wenig zu verbissen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Beim Broterwerb zu lachen, Freude zu haben, Leidenschaft und vielleicht sogar Erfüllung zu empfinden, ist jedem zu wünschen. Kritisch wird es dann, wenn diese Freude erzwungen wird, nicht Mittel zum Zweck ist, sondern sich hinter der Maske der Arbeitsfreude-Förderung erbarmungsloses Effizienzdenken verbirgt. Denn wer leidenschaftlich arbeitet, beutet sich auch leidenschaftlich schnell und zwanglos selber aus.

Arbeit 4.0, die Durchdigitalisierung der Arbeitswelt, weckt bei vielen die Hoffnung, künftig ganz anders, befreiter, moderner arbeiten zu können, möglichst orts- und zeitunabhängig. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, mit seinen Liebsten an einen schönen Ort zu ziehen, das Laptop einzupacken und mit Blick aufs Mittelmeer Strategien zu entwickeln, Texte zu schreiben, Kapitalmärkte zu analysieren? Ein paar wenige Glückliche können diesen Traum größtmöglicher Freiheit in ihrem Arbeitsleben umsetzen. Doch in einem Großteil der Unternehmen heißt Arbeit 4.0 vor allem: Flexibilität auf Kosten der Angestellten. Der ideale Angestellte, die ideale Managerin ist stets präsent, rund um die Uhr verfügbar, lässt sich durch private Verpflichtungen nicht von der Arbeit abhalten.

Wir haben das Glück in einem Land zu leben, dessen Verfassung uns sehr grundsätzliche Freiheitsrechte garantiert. Solange wir die Würde, Gesundheit und Privatsphäre der anderen nicht verletzen, können wir sagen, was wir wollen, uns aufhalten wann und wo wir wollen, machen, was wir wollen. Sobald wir aber einen Arbeitsvertrag unterzeichnen, werden uns viele dieser Freiheiten auf einen Schlag genommen. Wir müssen uns, zumindest während der Arbeitszeit, ganz genau überlegen, was wir sagen. Wann, wie und wo wir unsere Arbeit erledigen, wird uns in der Regel aus der Hand genommen. Ein oder zwei Tage Homeoffice in der Woche gibt es meist nur nach zähen Verhandlungen. Wir rufen mit Bauchschmerzen im Büro an, wenn das Kind Fieber hat und elterlichen Beistand benötigt.

John Maynard Keynes versprach vor über 100 Jahren: Durch die rasante Technologisierung würden wir heutzutage nur noch 15 Stunden arbeiten müssen, nicht pro Tag, sondern in der Woche. Und in der Tat: Gesamtgesellschaftlich fällt immer weniger Arbeit an. Leider ist sie sehr ungleichmäßig verteilt wird. Weniger, kondensierte Arbeit bedeutet weniger Lohn für viele andere.

"Wir leben im Zeitalter der Überarbeiteten und Untergebildeten, einem Zeitalter, in dem die Leute derart geschäftig sind, dass sie völlig verdummen", schrieb Oscar Wilde. Das Leben ist so komplex geworden, dass der reine Broterwerb viel weniger in Anspruch nehmen sollte als er es heute tut. Wir brauchen Zeit, um uns immer wieder weiterzubilden, Zeit für unsere Liebsten, Zeit uns möglichst lange gesund zu erhalten oder aber wieder gesund zu werden, Zeit, um wirklich zu leben und nicht nur zu arbeiten. Das müssen wir uns allerdings auch leisten können.

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO verknüpft „decent work“ (menschenwürdige Arbeit) eng mit universellen Menschenrechten, auf die sich die internationale Gemeinschaft einst geeinigt hat. Dazu gehört auch, dass Ihre Arbeit genug Raum für Ihre private Verpflichtungen und Wünsche haben muss. Sie, lieber Leser, liebe Leserin, sollten gleichzeitig gerne begeistert arbeiten, aber dabei Mensch bleiben dürfen.

mehr über die Arbeit: www.soziologen-labor.de

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