Familie und Arbeit global gesehen

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

 

Vom Umgang mit notorischen Lügnern

 

 Eine gute Bekannte, Schriftstellerin von Beruf, sprach einst einen Satz aus, der auch zu meinem eigenen Mantra geworden ist: „Ich hoffe, ich muss nie wieder in einem Büro arbeiten“. Diese Bekannte ist eine überaus sympathische Person,  sehr teamfähig, loyal und kompromissbereit – eigentlich die perfekte Kollegin. Sie hat hohe ethische Standards, und diese macht sie vor allem bei sich selbst geltend. Während der Arbeit im Büro war sie immer wieder verblüfft, wie niedrig bei anderen die Latte in Sachen Anstand lag. Immer wieder musste sie in die Abgründe menschlicher Kollegenseelen blicken, die sich häufig bereits wegen Kleinigkeiten extrem illoyal, kompromisslos und egozentrisch verhielten. Diese Erfahrungen motivierten sie dazu, ihre eigene Chefin zu werden, Freunde zu Kollegen zu machen und fleißig Bücher zu schreiben.

 

 

Eine ähnliche Motivation treibt den amerikanischen Philosophen Aaron James an, Bücher zu verfassen. Vor ein paar Jahren erschien sein Werk mit dem Titel „Assholes: A Theory“. Einer seiner wesentlichen Thesen: A* weigern sich ihr Gegenüber auf Augenhöhe wahrzunehmen. Egal was sie ausgefressen haben, sie werden sich nie ernsthaft entschuldigen, sondern bei Konfrontation versuchen den Spieß umzudrehen. A* sind derart fest in ihren eigenen Welt und ihrem eigenen Narzissmus gefangen, dass sie die Welt der anderen nicht mehr wahrnehmen. Ihnen fehlt Empathie, das Mitgefühl dafür, was ihr Verhalten in anderen auslöst. Menschen also, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben möchte, ganz besonders dann, wenn sie auch noch notorische Lügner sind.

 

Notorische Lügner behaupten eiskalt und sehr bewusst die Unwahrheit. In ihnen schlummert nicht, wie einige Küchenpsychologen behaupten, eine tiefe Unsicherheit. Flunkern ist für sie Strategie, sich Vorteile zu sichern, gut dazustehen. Lügen ist ein manipulatives Spiel, und für dieses Spiel wollen sie sich eine gute Position sichern, ohne Rücksicht auf Verluste.

 

Im beruflichen Kontext können notorische Lügner großen Schaden anrichten, solange ihre Strategien im Verborgenen bleiben. Doch selbst die geschicktesten Lügner entlarven sich an gewissen Schwachstellen selbst. Man muss sie nur rechtzeitig erwischen und den nächsten Vorgesetzten bzw. die Personalabteilung auf seiner Seite haben.

 

Im Privatleben sind diese grundlegend unehrlichen Personen wesentlich toxischer. Denn da gibt es kein Schiedsgericht, das sich anrufen lässt.  Illoyalitäten und Lügen von Personen, die einem einst nahe waren, sind höchst verletzend und nur selten wirklich zu verzeihen. Hin und wieder, zum Glück nicht oft im Leben, begegnet man  Menschen, die einem direkt ins Gesicht lügen, obwohl dieser Bursche oder das Mädel weiß, dass man selbst natürlich sehr wohl die Wahrheit kennt. 

Psychologen nennen diese manipulative Lügerei „Gaslighting“, benannt nach dem Film „Gaslight“ mit Ingrid Bergmann in der Hauptrolle. Der Mann der Hauptdarstellerin versucht in diesem Film, Mrs Bergmann in den Wahnsinn zu treiben, in dem er behauptet, die Lichter, die sie auf dem Dachboden sieht, gibt es gar nicht. Dabei hatte er sie selbst aufgestellt.

 

„Gaslighting“ ist der höchstmanipulative Versuch, Wahrheiten zu verdrehen mit dem Ziel, das Opfer völlig zu verwirren, als Irre dastehen zu lassen, um daraus Kapital zu schlagen. Donald Trump ist ein perfektes Beispiel für solch einen Gaslighter. Gnadenlos bedrängt er Hillary immer wieder mit Vorwürfen, die längst wiederlegt sind.

„What a Trump“, dachte ich gestern als ein Bekannter, mit dem ich einst sehr vertrauensvolle Dinge austauschte, dieselbe Strategie anwenden wollte. Er versuchte in einer Mail, unsere gemeinsam erlebte Geschichte für seine Zwecke umzustricken, mit dem Ziel, mich als Wahnsinnige darzustellen. Ich muss zugeben, sein Gaslighting verwirrte mich zunächst monumental. Ich war fassungslos über die menschlichen Abgründe, die sich vor mir auftaten, wie meine schreibende Bekannte einst  bei ihrem vorerst letzten Bürojob.

Als ich über  vorherige Unterhaltungen mit meinem Gaslighter nachgrübelte, fiel mir auf, dass er die Vernebelungstaktik schon mehrmals angewendet hatte, aber wesentlich geschickter als diesmal. Ich war darauf wirklich hereingefallen. Doch wie es bei  erfolgreichen Lügnern oft der Fall ist, werden sie irgendwann größenwahnsinnig. Diesmal war die Realitätsverzerrung zu absurd, um mich an der Wahrheit zweifeln zu lassen. Ich wurde wütend, sehr wütend, vor allem auf mich selbst, mal wieder zu lang zu nett gewesen zu sein.

Um Personen, die auch nur kleinste Versuche von Gaslighting starten, sind weite Bögen zu schlagen.  Wer versucht, angesichts der Wahrheit die Wahrheit zu verdrehen, verliert jegliche Integrität, als Politiker, ganz besonders aber als Privatmensch.

 

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