Familie und Arbeit global gesehen

Ist das denn erlaubt? Über Neustarts im mittleren Alter

Freunde aus Stockholm haben vor kurzem ein Plattenlabel gegründet. Viele Jahre des Komponierens, Übens, Spielens wollen sie in handfeste Werke packen und dabei künstlerisch die volle Kontrolle behalten. Sie alle haben in anderen Branchen längst ihren Weg gemacht, aber immer davon geträumt, die Musik – natürlich neben ihren Familien – in den Mittelpunkt ihres Lebens zu rücken und vor allem eines: dabei unabhängig zu sein und nicht im Würgegriff eines großen Labels. Als mein Mann und ich das erste von unseren Freunden produzierte Musikvideo über Facebook teilten, gab es viel „nice“ und „cool“ und „Ahhh!!“, aber auch den Kommentar: „Die sind ja gar nicht mehr so jung! Ist das denn überhaupt erlaubt?“

Na gut, die Künstler sind nicht mehr 20. Sie sind ein wenig ergraut, kommen aber trotzdem knackig und vor allem interessant daher. Sie  wirken noch immer wie Jungs, die sich in der Garage gerne zum Jammen treffen, allerdings mit ein wenig Lebenserfahrung hinter den graumelierten Schläfen und nicht mit dem verwirrten Blick eines zugedröhnten 20jährigen, der noch nicht so richtig weiß, wo die Reise hingeht. Was zählt, ist der Output, in diesem Fall die Musik, und die ist richtig gut.

 

Auch wenn die Arbeitswelt sich so rasant wie nie wandelt, alte Berufe keine Anwendung mehr finden, und selbst neue Tätigkeiten schneller wieder verschwinden als eine deutsche Übersetzung für sie gefunden wird: Eine berufliche Kehrwende in nicht mehr ganz so jungem Alter hinzulegen, wird noch immer mit großer Skepsis betrachtet. Die Gewerkschaften debattieren seit vielen Jahren über eine Lebensphasen-Orientierung in der weiten Wirtschaft. Der Mensch kann und will vielleicht sein hoffentlich sehr langes Leben nicht immer und immer wieder das Gleiche machen, möglicherweise auch einfach mal Pausen einlegen.  Die psychologische Forschung hat längst nachgewiesen, dass sich der menschliche Charakter  durchaus im Laufe des Lebens verändert und damit auch die Interessen. Doch  berufliche Biographien haben aber in der Regel noch immer recht gradlinig ohne große Unterbrechungen zu verlaufen. Der Mensch in seiner gesamten Entwicklung, mit all seinen Facetten, wird dahinter selten gesehen, auch wenn Unternehmen manchmal behaupten dies zu tun. Mal ganz im Ernst: Werden die neu hinzugewonnen Fähigkeiten frischgebackener Eltern wirklich als skill betrachtet? Kann diese gewisse Abgeklärtheit, die sich nach ein paar Jahren mehr oder weniger heiteren Familienlebens, diese gewisse natürliche und sehr berechtigte zeitliche Inflexibilität arbeitender Eltern aufwiegen? Ich würde sagen: ja, durchaus, unbedingt! Viele Personaler sehen das noch immer  anders.

Reifere Durch- und Neustarter haben es nicht leicht, auch wenn die besonders erfolgreichen Exemplare hin und wieder Erwähnung in Frauenzeitschriften finden.  Ingrid Noll, einst Arzthelferin, schrieb mit weit über 50 ihren ersten Krimi, Burt Reynolds gab das Football-Spielen auf und wurde ein wesentlich erfolgreicher Schauspieler. In weniger öffentlichkeitswirksamen Berufen wird aber viel weniger Verständnis gezeigt, wenn die Krankenpflegerin in ihren 40ern noch ein Medizinstudium draufsattelt zum Beispiel oder – sehr klassisch -  eine Mutter nach ein paar Jahren Berufspause wieder voll einsteigen möchte. Warum sollen all diese Leute nicht das können, was auch Jupp Heynkes in wirklich reifem Alter anscheinend gegönnt wird:  Pausen einlegen und dann neu oder anders weitermachen? Der Buena Vista Social Club wurde auch erst dann berühmt, als keiner der Bandmitglieder noch echte Zähne hatte.

 

Gesellschaftliche Normvorstellungen können sehr erdrückend sein. Das gilt ganz besonders, wenn sie in ökonomische Wertmuster gepresst werden. Der arbeitende Mensch ist ein Mensch in seiner ganzen Pracht, mit allen seinen Lebenserfahrungen und mehr oder weniger selbst gewählten Wegen, die aus ihm oder ihr etwas sehr Einzigartiges machen und damit auch aus ihrer Arbeit.