Familie und Arbeit global gesehen

Der eigene Mann als Karriere-Hindernis

 

Na gut, es soll sie durchaus noch geben: Männer, die mit dem Erfolg ihrer eigenen Partnerin absolut nicht klarkommen. Doch  für die meisten arbeitenden Herren sind Karrieresprünge der Liebsten inzwischen glücklicherweise kein Grund mehr, an der eigenen Männlichkeit zu zweifeln. Sie halten das in der Regel gut aus, freuen sich über die volle Familienkasse, klatschen inbrünstig Beifall und unterstützen ihre Partnerin gerne, allerdings unter einer Bedingung: Ihre Bemühungen dürfen nicht mit der eigenen Karriere kollidieren. Denn an diesem Punkt stoßen  viele männliche Karriere-Strebende schnell an die Grenzen ihrer Aufgeklärtheit. Ihr den Rücken freizuhalten, wie es seit Jahrhunderten Frauen für ihre Männer getan haben und noch immer tun: Das ist ein Konzept, mit dem sich bisher nur sehr wenige anfreunden können und auch nicht müssen. Denn Frauen wären bereits sehr glücklich über das Prinzip 50/50, was heißt: Für jeden gelten die gleichen Bedingungen. Bisher ist ER ist in der Regel immer noch ein wenig gleicher.

Frauen, die ernsthaf Karriere machen wollen, riet vor einiger Zeit Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg,  sollten sich die netten Typen schnappen. Sie sollten von den Männern die Finger lassen, die  rücksichtslos nur an ihr eigenes Weiterkommen denken. Aviva Wittenberg-Cox, CEO der Beratungsfirma 20-first, ist fest davon überzeugt, dass ehrgeizige Frauen nur zwei Optionen haben: Entweder können sie sich auf einen Partner verlassen, der sie voll unterstützt, oder sie bleiben besser Single. Melinda Gates beklagt, dass sich junge Frauen sich noch immer mit einer Arbeitswelt auseinandersetzen müssen, die für ihre Väter entworfen wurden, d.h. für einen männlichen Arbeiter, der sich ohne Rücksicht auf private Verantwortungen voll und ganz auf seine Karriere konzentrieren kann.

 

Männer sagen zur ihren Partnerinnen häufig: „Mach, was Du machen möchtest" und meinen das auch durchaus. Sie sind bereit, mehr für ihre Familien da zu sein. Gleichzeitig erleben sie aber in einem Großteil der Unternehmen noch immer eine Kultur, die diese Wünsche frei nach dem Motto „friss oder stirb“nicht unterstützt. Viele Väter schaffen es nicht, dagegen zu halten und rudern zurück. Das heißt: Sie arbeiten mehr als sie selbst und vor allem ihre Partnerin eigentlich möchten und zementieren damit weiter alle Rollenmuster und damit auch konservative Firmenkulturen. Das Resultat: Nur 10 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren arbeiten in Deutschland Vollzeit, 83 Prozent der Väter. Doppel-Karriere-Paare sind noch immer sehr selten.

 

 Frauen werden trotz aller Prognosen von dieser Entwicklung kalt erwischt. Noch vor der Familiengründung sind die meisten davon überzeugt, alte Rollenmuster hin sicher gelassen zu haben. Sie und ihr Partner würden sich schon gegenseitig unterstützen, so die Hoffnung, sich bei allem dem helfen, was sie erreichen wollen. Doch kommt es wirklich hart auf hart, entsteht in der Partnerschaft ein bitterer Konkurrenzkampf um Zeit und Aufgaben. Relativ schnell entwickelt sich ein Kleinkrieg um die Frage: Wer darf wann wieviel arbeiten? Des lieben Friedens  willen und aus Sorge um das Wohl ihrer Kinder gibt sie häufig nach und steckt beruflich zurück.

 

Die Soziologin Christina Wimbauer hat für ihr Buch „Wenn Arbeit Liebe ersetzt“ zehn Karriere-Paare interviewt und zeichnet darin ihren Werdegang vor und nach der Familiengründung auf. Die Paare sind alle exzellent ausgebildet, arbeiten beide, finden das gut. Dann werden sie Eltern und es passiert etwas, was weder Frau noch Mann sich so vorgestellt hatten: Die Männer arbeiten mehr als zuvor. Die Frauen zerreißen sich zwischen Kindern und dem bisschen Beruf, der ihnen nebenher noch bleibt. Und sie merken, wie ihnen die Anerkennung fehlt, die ihnen der Job über Jahre geliefert hat. Letztlich, schlussfolgert Wimbauer, bleibt keine Zeit und kein Raum mehr für die Liebe – nur noch für Leistung.

 

Die nachfolgende Generation wird das alles besser machen, glauben viel. Junge Männer werden oft als aufgeklärter beschrieben. Aber Studien zeigen ein anderes Bild. Nach einer Umfrage unter Absolventen der Harvard Business School zum Beispiel erwarten noch immer über die Hälfte der männlichen Interviewten, dass ihre Karriere Vorrang hat. Frauen erwarten das nur sehr, sehr selten von ihren Partner.  Sie wären schon sehr glücklich über die das Prinzip 50/50, gleiche Startchancen für beide.

 

Dass die alten Rollenmuster sich so hartnäckig halten ist schade. Denn egalitäre Beziehungen sind grundsätzlich nachweislich glücklicher. Das sind Beziehungen, in denen beide sich an ihren Träumen versuchen können und nicht einer  für den anderen zurückstecken müssen. Falls einer von beiden doch mal dem anderen den Rücken freihält, dann zeitweise, um dann später ebenso unterstützt zu werden. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Ann-Marie Slaughter nennt dieses Konzept „lead parenting“, beide übernehmen abwechseln Zuhause das Ruder. Doppelkarrierepaare sprechen von einem besseren Selbstbewusstsein, mehr Anerkennung durch den Partner und einem stärkeren Zusammenhalt in der Beziehung. Außerdem betonten beide, dass sie eine höhere Autonomie genießen können. 

 

Dass es bisher so wenige Paare gibt, die solch ein egalitäres Karriere-Modell durchziehen, liegt nicht nur an ihren eingerosteten Paarkonstellationen. Die Hauptschuld trägt nach wie vor die Arbeitswelt, die Karrieresprünge nur mit 200%-igem Einsatz ermöglicht und wenig Rücksicht auf private Belange nimmt. Das ist ungerecht und lässt diejenigen außen vor, die sich um Kinder, zu pflegende Angehörigen schlicht auch mal um Freunde kümmern möchten. Eine solche Arbeitskultur lässt vor allem die nach oben steigen, die keine Rücksicht auf andere nehmen oder nehmen müssen. Und ein solcher Manager-Typus ist weder für das Unternehmen, ganz besonders aber für die Mitarbeiter besonders gesund.

 

Paare, die auf das gemeinschaftliche Karriere-Modell setzen, müssen ausgeklügelte Pläne schmieden und sich vor allem wieder darüber unterhalten, was sie selbst und was sie vom anderen wollen. Beide sollten sich zudem auch immer wieder die Frage stellen: welche Auswirkungen hat meine Karriere auf unsere Partnerschaft, auf unser Privatleben? Wie viel können wir wirklich arbeiten? Geht Karriere vielleicht doch in Teilzeit? 

 

Wichtig ist dabei häufiger positiver Zuspruch. Denn den gibt es im Alltagsstress leider Zuhause häufig noch weniger als am Arbeitsplatz. Dabei ist es so wohltuend, immer wieder zu zeigen: Der andere wird mit seinen Träumen, Wünschen, aber auch in seinem Scheitern wahrgenommen. Ganz besonders Frauen opfern nach wie vor sehr viel für die Liebe, oft mehr als ihnen guttut.