Familie und Arbeit global gesehen

Über den Wahnsinn der frühkindlichen Elitenförderung

 

Meine Töchter betreiben Leistungssport. Jeden Tag nach der Schule schrauben sie auf der Eisfläche Pirouetten, springen Axel und probieren sich am Doppel-Lutz, fallen hin und stehen immer wieder auf. Wenn sie die Schlittschuhe wieder ausziehen, leuchten ihre Augen, meistens zumindest. Sie machen Quatsch mit ihren Freundinnen, seifen sich mit künstlichem Schnee ein und haben den manchmal nervigen Schulalltag schnell vergessen. Doch was sicherlich viel Spaß macht, ist gleichzeitig hart erarbeitetes Kunsthandwerk. Jeder, der schon einmal auf Schlittschuhen gestanden hat, weiß, wie schwierig es ist, nur ein paar Schritte rückwärts zu fahren, ohne sich das Steißbein zu prellen.

 

 

Meine Töchter müssen viel einstecken. Die Trainer ermuntern und trösten, sind aber auch mal alles andere  als zimperlich. Bei den Wettbewerben wird jeder Sprung, jede Drehung, jeder Schritt von einem extrem kritischen Preisgericht bewertet. Wenn sie in diesem Sport eines lernen, dann vor allem den Grundsatz: Man kriegt im Leben nichts geschenkt. Pokale konnten die Mädels bisher keinen mit nach Hause nehmen, sie  freuen sich bereits sehr über einen vierten oder siebten Platz.

 

„Was zur Hölle macht ihr da eigentlich mit euren Kindern?“ lautet eine durchaus berechtigte Fragen von Freunden und Bekannten. Doch jegliche Aufforderung und Drohung, mit dem Leistungssport aufzuhören, wird von unseren Töchtern empört niedergeschrien. Sie hätten doch so viel Spaß auf dem Eis, und um Erfolge ginge es ihnen ohnehin nicht. Sie wollen einfach nur „richtig gut“ eislaufen können, und dafür brauche es halt viel Übung. Sie müssten gar nicht immer „besser“ als andere sein.

Das sehen aber sowohl die Trainer, getrieben von den Funktionären auf Landes- und Bundesebene, anders, aber auch viele Eltern, die ihre Kinder „nicht umsonst“ jeden Tag in die Eishalle karren möchten. Die Kleinen sollen Medaillen nach Hause bringen, auch wenn das einen nicht geringen finanziellen Aufwand und einen noch größeren Leistungsdruck nach sich zieht. Alle wissen, dass keine Hoffnung auf spätere finanzielle Entlohnung besteht. Denn Eiskunstlauf, ein wirklich schöner Sport, ist chronisch unterfinanziert und nur etwas für hoffnungslose Idealisten, sehr ambitionierte allerdings, die bereit sind, für einen Dreifach-Lutz viel im Leben zu opfern. Doch vielen Eltern und irgendwann auch ihren Kindern geht es nicht um Idealismus, sondern darum, dass die Kleinen „etwas Besonders“ sind, für das sie bewundert werden.  Zuneigung, vo den Trainern, von den Eltern,  wird schnell abhängig von guten Leistung. Durchschnitt ist quasi das gesellschaftliche Todesurteil in einer sehr leistungsorientierten Peer Group.

 

Wenn ich am Rande des Eises stehe, fällt es mir sehr schwer,  nicht mitzumachen. Häufig schleicht sich doch der Gedanke ein: „ach, wäre schon schön, sie würde den Doppel-Lutz zuverlässig stehen“. Hinterher schäme ich mich dafür. Natürlich möchten meine Kinder gelobt werden, wenn sie eine komplizierte Figur meistern. Aber schnell verwandelt sich Lob in eine Erwartungshaltung, die noch mehr verlangt. Was für ein Wahnsinn!

Das Eislaufen ist immerhin eine freiwillige Angelegenheit. Niemand zwingt meine Kinder dazu.  Es ist zwar nicht leicht, einen Wettkampf trotz   einer verpatzten Kür zu einem lustigen Familienerlebnis zu machen, aber es ist durchaus möglich.

In der Schule ist es viel schwerer, eine gesunde Distanz zum Geschehen zu wahren. Denn bereits in der vierten Klasse geht es los mit den Diskussionen um gute oder möglichst sehr gute Noten. Zwar ist in der Berlin der Wechsel auf eine weiterführende Schule „erst“ zur siebten Klasse vorgesehen. Doch einige Gymnasien und Spezialschulen, wie zum Beispiel auch die Elite-Sportschulen, bieten einen früheren Wechsel an. Der Wettkampf um die wenigen Plätze ist unerbittlich und belastend. Dass Kinder diese  extrem frühe Auslese möglicherweise massiv unter Druck setzt, besorgt Eltern sicherlich. Doch es geht ja schließlich darum, zur „Elite“ zu gehören, und da lässt man nichts unversucht. Aber auch hier stellt sich wieder die Frage: Ist das nicht völlig durchgedreht und vor allem zielführend?

 

 

Meine ältere Tochter sagt, wir seien fies, wenn wir ihr nicht zumindest die Chance ermöglichen, auch dazu zugehören, so wie ihre ebenso ehrgeizigen Freundinnen das vorhaben. Sie möchte es gleich an zwei Schulen versuchen, an der Sportschule und an einem heiß begehrten Mathe-Gymnasium. Für letzteres ist ein glatter Einser-Schnitt, eine exzellente Förderprognose der Grundschule und ein mit Top-Noten absovierter Einstufungstest erforderlich. Eine „2“ ist da längst nicht mehr Grund zur Freude, sondern Anlass für Tränen. Wer sich auf der Sportschule bewerben will, kommt zwar auch mit einer glatten „2“ im Zeugnis durch. Die Kinder müssen aber über mehr als ein halbes Jahr lang immer wieder sportliche Leistungstests über sich ergehen lassen.  Die werden sicherlich recht kindgerecht verpackt. Klar ist aber auch: Wer mithalten möchte, sollte sich möglichst keine Fehler erlauben, jetzt und später auch nicht. Denn wer das Niveau nicht hält, muss die Schule wechseln.

 

Es ist verführerisch, sich diesem Wettkampf um früher, schneller und immer besser bedingungslos hinzugeben und sich einzureden, dem Kind damit viel mit auf den Weg zu geben. Es ist auch nicht leicht, unsere Töchter zu bremsen. Denn sie sind mit gesellschaftlichen Normen konfrontiert, die ihnen vorgaukeln, dass ein gutes Leben nur durch harte Arbeit zu erreichen ist. Von nichts kommt nichts, das stimmt sicherlich. Doch den Stoff in der Schule begriffen zu haben und vielleicht auch im Leistungssport vor allem erst einmal wenig wettkampforientiertes Grundlagentraining zu betreiben, sollte eigentlich erst einmal reichen. Müssen Kinder wirklich schon mit zehn Jahren „erfolgreich“ sein? Nein, auf keinen Fall!  Bremse! Halt! Stop!

 

Meine ältere Tochter beschäftigt sich gerne und viel mit dem, was als „freies Spiel“ bezeichnet wird. Und ja, sie hat neben Schule und Sport durchaus noch Zeit dafür, vor allem deshalb, weil wir sehr bewusst darauf achten, das Training auch mal ausfallen lassen und die Vorbereitungen für die Schule auf das Notwendige reduzieren. Die Noten stimmen, „noch“, so ein leichter Zweifel manchmal. Meine Töchter sollen Spaß am Lernen und Sportreiben haben, stolz auf ihre kleinen und manchmal großen Fortschritte sein. Die schwierigste Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen, sich vom Leistungsdruck der anderen abzugrenzen, der nicht ihr eigener sein muss. Das fällt auch uns Erwachsenen sehr schwer. Aber es ist nötig und sehr gesund, darüber immer wieder nachzudenken.