Familie und Arbeit global gesehen

Spaß durch Leistung, wirklich?

Das bittersüsse  Geheimrezept frühen Erfolgs

 

Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen, Perfektionismus und Leidenschaft sind Charaktereigenschaften, die in sehr leistungsorientierten Systemen dieser Gesellschaft als Stärken und Erfolgsgaranten präsentiert werden. Das internalisieren auch bereits Kinder, deren früher Ehrgeiz Eltern, Lehrer, Trainer und andere dazu verlockt, die Ambitionierten schon früh auf die Überholspur zu setzen, ob nun beim Übertritt in die Sekundarstufe oder beim Leistungssport.    

 

 

Ich kann mich davon als Mutter von zwei sehr determinierten Töchtern alles andere als freisprechen. Diese kleinen Damen preschen durch ihr Leben, geben nicht auf, niemals. Das macht mich stolz, andererseits auch sehr besorgt. Denn mit dem Ehrgeiz kommen auch die Grenzen des Leistbaren und der Wahnsinn überambitionierter Systeme.

 

Vor drei Jahren kam meine ältere Tochter, sie war gerade sechs Jahre alt, mit Tränen der Wut von der Eisfläche. Die Trainerin hatte herumgebrüllt und sie hart angefasst, so hart, dass es ihr wehtat, ein sehr fester Griff an ihrem zarten Oberarm. Irgendeine Übung hatte so nicht funktioniert, wie es beiden passte.  Das war kein großer Zwischenfall, kein Fall von körperlicher Misshandlung oder Übergriffkeit. Trotzdem spürte meine Tochter die eiskalte Wut der Trainerin, die sich, durchaus menschlich, in diesem Moment mal nicht im Griff hatte. Meine Tochter fühlte sich machtlos und gedehmütigt. Zum Glück schlug dies recht schnell in gesunde Wut auf die Trainerin um. „Wenn ich 15 bin“, sagte meine Tochter damals, „hau ich ihr eins auf die Nuss.“

 

---- "Spaß kommt durch Leistung" -----

 

Bevor dieser Tag der Abrechnung kommen kommte, knapp drei Jahre Jahre später, legte uns ihre Trainerin nahe, mit dem Leistungssport aufzuhören. Meine Tochter, noch recht junge neun Jahre alt, hatte in einer wichtigen Prüfung ein Element nicht geschafft, vieles, was sie zuvor gelernt hatte, klappte auf einmal nur noch schlecht. Die Trainerin sprach von angeblich mangelndem Talent, mangelnder Fokussiertheit, mangelndem Engagement der Eltern. Meine Tochter sagte Zuhause: „Meine Trainerin macht mir Angst, ich mag sie, sie ist manchmal lustig, aber oft so gar nicht.“ Dem vorausgegangen war eine lange Zeit häufiger Auseinandersetzungen über die Trainingsmethoden einiger Trainer. Wir als Eltern, aber auch unsere Töchter, waren inzwischen die enfants terribles im Verein. „Spaß kommt durch Leistung“, gab uns eine Trainerin mit auf den Weg.

 

Eiskunstlauf ist ein sehr komplexer, motorisch höchst fordernder Sport. Meine Tochter und ihre kleinere Schwester trainieren seit vier Jahren regelmäßig, begeistert und unermüdlich erst dreimal, dann fünfmal, inzwischen sechsmal die Woche. Ganz besonders die Große machte stets gute Fortschritte, mal mehr, mal weniger, hat aber bei Wettkämpfen stets mit schrecklichem Lampenfieber zu kämpfen. Sie ist noch jung, recht sensibel, aber sehr entschlossen, weiter zu trainieren. Ich fand das immer etwas beängstigend.

 

---- Denunzianten  ----

 

Es kam in den Jahren nach dem festen Zugreifen zu mehreren, teils recht gravierenden Zwischenfällen beim Training, die wir als Eltern sehr beherzt ansprachen. Es ging dabei um Trainer, die herumbrüllten, Kinder beleidigten und die, ja, auch mal, wenn auch nicht sehr dramatisch, etwas handgreiflich wurden. Wir als Eltern versuchten, eine Diskussion über kindgerechteres Training in Gang zu bringen. Viele Eltern, die sich vorher selber hinter vorgehaltener Hand besorgt gezeigt hatten, schwiegen. Andere beschuldigten uns, zu übertreiben, unnötig eine große Welle zu machen, Trainer in den Schmutz zu ziehen. Es sei doch gar nicht „bewiesen“, dass dies den Kindern wiederfahren sei. Sie hätten nichts gesehen. Außerdem: Früher sei doch alles noch viel schlimmer gewesen, die Kinder würden dagegen deute heute quasi in Watte gepackt. Die Diskussion und Stimmung im Verein wurde sehr unangenehm. Die Trainer dagegen zeigten sich diskussionsbereit. Zu körperlichen Übergriffen kam es meines Wissens danach bisher nie wieder.

 

---- Der irre, viel zu frühe Druck des Systems ----

 

Meine Töchter haben, das muss ich betonen, meistens Spaß am Training, jeden Tag. Ich spreche auch nicht von „bösen Trainern“, schere auch nicht alle über einen Kamm. Viele legen eine stoische, bewunderswerte Geduld, viel Warmherzigkeit und unerschütterliche Freundlichkeit und Begeisterung für ihren Sport an den Tag, geben den Kindern Dinge mit auf den Weg, die wir ihnen nicht vermitteln können. Die Trainer stehen zudem unter massivem Erfolgsdruck, auch von Seiten einiger Eltern, deren Respektlosigkeiten manchmal unfassbare Ausmaße annehmen. Ursache ist dafür in der Regel eine viel zu hohe Erwartungshaltung und der absurde Zwang, zu früh schon viel zu viel leisten zu müssen. Zu verlockend erscheint der Erfolg, mit dem sich sowohl Trainer aber ganz besonders auch Eltern schmücken können. Die Kindern lernen, dass sie ganz besonders dann viel Aufmerksamkeit, Liebe und Wohlwollen erhalten, wenn sie Erfolg haben.

 

----- Von Talenten und Luschen ----

 

Eiskunstlauf ist ein knallharter Sport. Viele Elemente müssen vor der Pubertät sitzen, sonst werden sie nie mehr wirklich erlernt. Doch nur wenig kritisch hinterfragt wird bisher der frühe Leistungsdruck, das viel zu frühe Ausselektieren der Kinder, dem wissenschaftliche Studien kein Fundament geben. Ein Aussortieren, das manchmal, wie in unserem Fall, auch nicht eindeutig von persönlichen Asympathien zu trennen ist. Dieses Selektieren nach angeblichen „Talenten“ und „Luschen“ (wie es eine Mutter jüngst formulierte), führt häufig zu einem großen Bruch in der psychischen Biografie der Kinder führt, an den sie sich auch Jahrzehnte später noch erinnern und zu knabbern haben. Nötig ist das so nicht. Von den Kindern und ihren Eltern wird ein fast bedingungsloses Engagement für eine Sportart erwartet, die selbst bei größtmöglichem Erfolg nicht unbedingt zum Brotverdienst reicht. Dabei werden unreflektiert sehr viele Grenzen überschritten. Wer zögert, dem mangelt es an Erfolgswillen oder mangelnder Einsicht, dass dies alles keinen Sinn mehr hat.

 

---- Von Würde und Versöhnung ----

 

Meine Tochter und ihre Schwester möchten weiter machen mit dem Eiskunstlauf, die ältere mit einer anderen Trainerin. Sie hofft noch immer auf einen versöhnlicheren Weg im Leistungs-Sport. Wir als Eltern sehen das enorm zwiespältig. Denn das System ist wie es ist und hat sich sehr abgeschottet, ist wenig durchlässig und sehr autoritär. Gesellschaftliche Denkmuster gaukeln zudem vor, Leidenschaften seien etwas Gutes und Beflügelndes, etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt und für das alles andere in den Hintergrund rücken sollte. Solch eine Denkweise sorgt für absurde Entwicklungen wie im Kinderleistungssport, aber auch im späteren Berufsleben. Schlechtes Benehmen wird häufig toleriert solange es zum Erfolg führt, egal ob ein junger Eisläufer „Fick Dich!“ zu einer Sportlerin sagt, eine überambitionierte Eislaufmutti andere Kinder in den Boden rammt oder ein cholerisches Chef später bedingungslosen Einsatz fordert.

Ich könnte meinen Kindern den Sport verbieten, bringe das aber nicht übers Herz, bisher. Wichtig ist mir allerdings, dass sie lernen, ihr Würde zu verteidigen, vehement, als Sportlerin, als Mädchen, als Kind, als Mensch an sich. Der Sport, die Schule, später dann der Beruf ist sicherlich Teil des „echten Lebens“. Doch das Leben hat und sollte noch viel mehr bieten als das. Die Leidenschaft darf auf Dauer nie zu viel Raum nehmen, so sehr, dass das andere Leben an einem vorbeirauscht.