Mehr Zeit zu leben: Vollzeit neu definieren

Zeit ist ein äußerst kostbares Gut.  Sie steht uns nur sehr begrenzt zur Verfügung. Und wir wissen nicht, wieviel uns davon wirklich gegeben sein wird. Die australische Autorin Bronnie Ware begleitete mehrere Monate lang Sterbende und sprach mit ihnen darüber, was sie in ihrem Leben am meisten bereut hätten.[i] Ihre Gesprächspartner bedauerten häufig, dass sie ihre eigenen Wünsche hinten angestellt und zu viel gearbeitet haben. Sie hätten sich zu wenig Zeit für Familie und Freunde genommen und sich nicht erlaubt, glücklich zu sein.

Ein breiter gesellschaftspolitischer Konsens könnte dafür sorgen, dass eine allgemeine Reduzierung bzw. Angleichung der Arbeitszeit weder zur Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten führt noch die Wirtschaft in den Ruin treibt. 100 Jahre nach der offiziellen gesetzlichen Einführung des Acht-Stunden-Tages ist es an der Zeit, über eine Neudefinition von Vollzeit nicht nur nachzudenken, sondern vehement für eine weitere Verkürzung bzw. gleichberechtigte Aufteilung der Arbeitszeit einzutreten. Denn einer der dringendsten Aufgaben der Zukunft wird sein, Arbeit besser und gerechter zu verteilen. Ein Großteil der Arbeitnehmer wünscht sich ein Arbeitspensum zwischen 30 und 35 Stunden in der Woche. Eine solche kürzere Vollzeit lässt Zeit für andere wichtige Dinge im Leben: die Familie, Hobbys, Sport, möglicherweise sogar ein gesellschaftliches und politisches Engagement. Eine kürzere Arbeitswoche sorgt für weniger Stress, eine geringere Gesundheitsbelastung, weniger Burnouts. 

Individualität und Selbstbestimmtheit erfahren besonders in den westlichen Gesellschaften eine hohe Wertschätzung. Lebensläufe sind nicht mehr nur überprüfbar lückenlos, sondern durchgestylt und einzigartig. Auch das Privatleben muss höchst individuellen Ansprüchen genügen.  Jeder hat seine ganz eigenen Bedürfnisse an die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Individualisierte Arbeitszeiten kommen diesen Bedürfnissen sehr entgegen. Doch die starken gesellschaftlichen Individualisierungs-Tendenzen machen es schwer, Zeit gemeinsam zu genießen. Wenn möglichst viele Menschen zur gleichen Zeit arbeiten, insgesamt eine ähnliche Stundenbelastung pro Woche haben, wird ein menschliches Miteinander einfacher. Wir hätten mehr Zeit füreinander. 

Ganz besonders die jüngere Generation ist nicht mehr nur auf Arbeit oder sozialen Status fixiert. Sie sorgt sich auch um den schwindenden Zusammenhalt unter den Menschen. Materialistischer, egoistischer, toleranter – so nehmen die Leistungsträger die deutsche Gesellschaft wahr. Das geht aus einer Umfrage des Allensbach-Institutes im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft hervor.[ii]Dabei hat die mittlere Generation laut der Umfrage ein anderes Verhältnis zu Geld als ihre Eltern. Obwohl sich die meisten wünschten, finanziell unabhängig und abgesichert zu sein, halte nur jeder Siebte Sparsamkeit für wichtig. Die 30- bis 59jährigen können sich mehr leisten als ihre Eltern, öfter in den Urlaub fahren, freier entscheiden, wo sie leben wollen. Andererseits empfinden sie ihr Leben auch als fordernder und anstrengender als das ihrer Mütter und Väter. 61 Prozent haben den Eindruck, dass ihre Eltern weniger unter Stress und Hektik zu leiden hatten.  45 Prozent sind davon überzeugt, dass es damals mehr Planungssicherheit gab.

Nicht nur in den Niederlanden, wo besonders viele Menschen in reduzierter Vollzeit arbeiten, sondern auch in Japan hat man inzwischen erkannt, dass die Überstundenkultur gesamtgesellschaftlich Wahnsinn ist.[iii]Doch Kulturen ändern sich nur langsam. Wandel verläuft meist in kleinen Schritten. Überstunden, so der Kompromiss vieler japanischer Unternehmen, sollten zumindest an einem Tag in der Woche vermieden werden. Am beliebtesten ist bei japanischen Firmen dafür der Mittwoch, gefolgt vom Freitag. An diesen Tagen werden die Angestellten, die um 20 Uhr noch immer an ihrem Arbeitsplatz sitzen, per Lautsprecher aus ihren Büros geschickt. Doch Kitakukyofusho, die Angst vor dem Nachhause-Gehen, hält sich in Japan weiterhin hartnäckig. Denn der gesellschaftliche Druck viel zu leisten, ist groß. Vor allem die Männer sind es nicht gewohnt, einfach mal früh nach Hause zu gehen. Sie wissen dort gar nichts mit sich anzufangen. Viele müssen erst lernen, dass Vater sein auch heißt präsent zu sein, Zuhause mit anzufassen, einen Teil der Kindererziehung, der Pflege der eigenen Eltern, mit zu übernehmen. Noch leiden sie an Kitakukyofusho. Wer nicht ständig am Arbeitsplatz präsent ist, so die traurige Gewohnheit, an dem rauscht die Karriere vorbei und ist bald nicht mehr zu greifen.

Auch die Amerikaner haben diese Furcht, im beruflichen Leben etwas zu verpassen, in eine Metapher gefasst. Fear of missing out, kurz fomo. Fomo beschreibt die Panik, kein ideal worker, kein perfekter Mitarbeiter, mehr zu sein. Dabei ist es so wichtig und so gesund, dieser Norm sehr regelmäßig nicht mehr zu entsprechen.

 

Mehr dazu hier

 

[i]Bronnie Ware (2015): 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen, Goldmann

[ii]Institut für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher; Generation Mitte 2018

[iii]The Japan Times; Kaori Shoji; 13.6.2016, „For„overtime refugees“, home is where the heart isn’t“ 

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