Die geheimen Ängste von Männern in Doppel-Karriere-Partnerschaften

Paare  treffen zwar zu Beginn der Familiengründung oft die gemeinsame Entscheidung, dass weiterhin beide Karriere machen sollen. Das gilt vor allem dann, wenn beide hochqualifiziert sind. Doch nach ein paar Jahren Partner- und Elternschaft sieht die Situation häufig völlig anders aus. Frau fragt sich dann oft, wie das passieren konnte.. Sie hat meist darauf gesetzt, nach kurzer Karrierepause schnell wieder Anschluss zu finden, ist auch hartnäckig am Ball geblieben. Doch die Vereinbarkeit von Karriere und Familienleben stellte sich als tiefenerschöpfende Zerreißprobe, der Arbeitgeber als nur bedingt familienfreundlich und der eigene Partner als manchmal doch nicht so egalitär heraus wie zunächst gehofft. 

 

Frauen sind auch in den Industrieländern noch immer diejenigen, die am meisten unbezahlte Arbeit leisten, selbst dann, wenn sie genau so viele Stunden bezahlter Arbeit nachgehen wie ihr Partner. Leider führt dies auch  noch immer zu mehr oder weniger großen Nachteilen für die Karriere und zu einer grundsätzlich erhöhten generellen Stressbelastung.

 

Männer sind meist smart genug, ihre traditionellen Rollenvorstellungen für sich zu behalten. Sie wissen inzwischen, welche Äußerungen auch im Privatleben als political incorrect und damit als hochexplosiv für die Beziehung gelten. Um so überraschter sind dann ihre Partnerinnen, wenn sie entdecken, dass doch noch ganz schön viel Macho in ihrem Liebsten steckt. Amerikanische Soziologen nennen ein solches Verharren in alten Rollenmustern John-Wayne-Maskulinität. Männer, die insgeheim gerne so wären wie ein Cowboy in alten amerikanischen Westernfilmen glauben, sie sollten stets die Kontrolle über jeden und alles behalten, ihre Gefühle nicht preisgeben und sich vor allem nicht verletzlich oder gar „weiblich“ zeigen.

 

Auch wenn sie grundsätzlich für Chancengleichheit in der Beziehung sind, beschleicht sie doch insgeheim das Gefühl als „neuer Vater“ vielleicht beruflich doch etwas zu verpassen, als „Softie“ darzustehen, der jetzt brav den Kinderwagen schiebt und Windeln wechselt statt zusätzliche Kunden zu werben. Seine Karriere, seine Termine, seine Deadlines sind dann doch immer noch ein wenig wichtiger. Das tut natürlich ihrer Partnerin alles andere als gut, ihnen selbst allerdings auch nicht. John Waynes, ganz besonders wenn sie in tendenziell eher gleichberechtigten Gesellschaften leben, neigen eher zu Alkoholismus und anderen Suchterkrankungen als ihre softeren und egalitären Geschlechtsgenossen. Sie sind aggressiver, depressiver und gleichzeitig ängstlicher. Egalitäre Väter sind grundsätzlich zufriedener mit ihrem Berufs- und Privatleben. Das liegt vor allem daran, dass sie Selbstbewusstsein und Glück nicht nur aus ihrem Berufsleben ziehen, sondern ihre Zufriedenheit auf mehrere Säulen im Leben basiert. 

 

Die John Waynes der heutigen Arbeitswelt stressen sich mit ihrem eigenen festgefahrenen Selbstimage immens. Sie fürchten insgeheim eine Partnerin, die erfolgreicher sein könnte als sie selbst. Dan Cassino und Yasemin Besen-Cassino von der Montclair State University haben herausgefunden, dass Männer ganz besonders dann Hausarbeit aus dem Weg gehen, wenn ihre Frauen mehr verdienen als sie selbst. Die Cassinos spekulieren, dass diese John Waynes sich in ihrer Männlichkeit doppelt bedroht fühlen: durch ihr geringeres Einkommen und der Übernahme „weiblicher“ Aufgaben.[i]Sie hoffen weiterhin ihren Mann stehen zu können, indem sie typische feminine Tätigkeiten einfach nicht erledigen. „Sie verdient vielleicht das Geld, aber ich werde nicht den Abwasch machen“, schwirrt ihnen vermutlich durch den Kopf. 

 

Nach Studien von Jannell Fetterolf und Laurie Rudmann, Psychologen der Rutgers Universität, fühlen sich sowohl Männer als auch Frauen weniger zu Hausarbeiten verpflichtet, wenn sie mehr Geld verdienen.[ii]Aber es sind vor allem Männer, die es Zuhause langsam angehen lassen. Frauen springen über ihren eigenen Schatten und heben weiter Spielzeug auf und falten Wäsche, auch wenn sie das Gefühl haben, dies eigentlich nicht allein tun zu müssen. Je mehr Männer im Vergleich zu ihren Frauen verdienen, desto weniger fühlen sie sich fürs Putzen und Aufräumen zuständig. Mit einer Ausnahme, zumindest betrifft dies amerikanische Männer: Das Kochen ist inzwischen längst nicht mehr weiblich besetzt.  Je mehr ihre Frauen verdienten, um so mehr Zeit verbrachten ihre Partner in der Küche.  

 

Kochen, so spekulieren die amerikanischen Studienleiter, wird nicht grundsätzlich als etwas Feminines betrachtet. Es gilt viel mehr als ein Hobby, manchmal auch als ein Statussymbol, weniger als eine lästige Aufgabe. Männer posieren ungern mit einem Staubsauger auf Instagramm, mit einem selbst gegrillten Steak dagegen gern. Für das forschende Cassino-Paar sind die kochenden Männer ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass auch das Saubermachen und die Fürsorge für Kinder möglicherweise künftig genderneutraler werden. Ich bin da eher skeptisch. Denn Kochen ist sowohl in Italien als auch in China wie in vielen anderen Ländern und Kulturen dieser Welt längst eine geschlechtsneutrale Beschäftigung, ohne zentral die Rollenverhältnisse verändert zu haben. Die Frau am Herd ist eine angloamerikanische und deutsche Inszenierung, die in vielen Kulturen nur Schulterzucken auslösen würde.

 

Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten - und das in vieler Hinsicht erfolgreich - Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um „Weiblichkeit" neue Definitionen zu verpassen. Bei den Männern steht das noch an. Auch in den meisten westlichen Gesellschaften ist es noch immer so, dass Männern ein grundsätzliches Streben nach Erfolg zugeschrieben wird, und die Erwartungen entsprechend groß sind. Das, was einen „Mann" definiert, ist bisher noch immer ein recht enges Korsett. „Ist es männlicher 80 Stunden zu arbeiten oder ist es männlicher auch mal zurückzustecken, damit Deine Frau die nächste Beförderung annehmen kann, ohne sich um die Kinder zu sorgen?“. Das fragt die erfolgreiche amerikanische Unternehmerin Sheila Lirio Marceloin einem Essay.[iii]

 

Ähnlich wie die Frauenbewegung in den 1970er Jahren steht allerdings auch die zeitgenössische Männerbewegung vor einer dicken Wand an Vorurteilen. Während Mütter weiterhin von massiven Stereotypisierungen im Berufsleben zurückgehalten werden, erfahren Männer, die sich nicht den alten Maskulinitätsnormen ergeben wollen, teilweise noch stärkere Vorbehalte. Oft wird bereits eine kurze Abwesenheit als Schwäche und geringe Leistungsbereitschaft ausgelegt. Wer sich als Mann dagegen Auszeit für einen Marathon oder die Besteigung des Mount Everest nimmt (also John-Wayne-Abenteuer), erhält dagegen Beifall. Auch erfahren die sogenannten Männerrechtsbewegungen Aufwind. Die sind in der Regel nichts anderes als Versuche, sich verzweifelt an alten Rollenklischees festzuklammern. 

 

Doppel-Karriere-Paare befinden sich oft in dem Dilemma, immer wieder untereinander schwierige, oft hochexplosive Deals aushandeln zu müssen. Ein tiefgreifendes Verständnis für workund life des Gegenüber hilft. Und das entwickeln Mann und Frau nur, wenn sie beide Seiten intensiv kennengelernt haben. Eine steile Karriere darf auch Dellen haben, in denen andere Dinge im Leben ein wenig mehr Priorität haben. Das gilt aber bitte für beide, Mann und Frau. Der Beziehung tut das gut, den Kindern ohnehin.

 

[i]Dan Cassino, 19.4.2016, Harvard Business Review: „Even the thought of earning less than their wives changes how men behave“ 

 

[ii]Janell C. Fetterolf & Laurie A. Rudman  (2014): „Gender inequality in the home: The  role of relative income, support for traditional gender roles and perceived entitlement“; Gender Issues 3, S. 219-237

 

[iii]Sheila Lirio Marcelo, LinkedIn 18.6.2016: „What’s manly? A father’s day meditation“ 

 

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