Die erholsame Radikalität echter Langeweile

 Der Feierabend ist eine wundervolle Angelegenheit, solange danach nicht ein durchdekliniertes Freizeitprogramm wartet. Wissenschaftler der amerikanischen Washington University in St. Louis beklagen, dass Freizeitaktivitäten zu einer unerfreulichen Last werden, wenn sie nicht mehr viel Platz für Spontanität lassen. Freizeitstress entsteht dann, wenn auch die Freizeit völlig verplant ist.[i]Vorfreude hat wie das Wörtchen Feierabend im Deutschen eine sehr spezielle, in andere Sprachen nur schwer zu übersetzende Bedeutung. Doch die Vorfreude auf den Feierabend ist größer, wenn dieser nicht zu sehr durchterminiert ist, selbst wenn es sich um angenehme Planungen handelt. Wer die Freizeit überplant, läuft leider Gefahr, schon während der Arbeit genervt vom kommenden Wochenende zu sein.

Freizeit ohne Termine war einst ein Indikator für Wohlstand und einen gewissen sozialen Status. Diejenigen, die es sich leisten konnten, glaubten, schon genug gearbeitet zu haben, stellten ihren Müßiggang gerne offen zur Schau. Das Streben nach Freizeit, so argumentierte der Sozialtheoretiker Thorstein Veblen 1899, beruhte noch auf den Gepflogenheiten vorindustrieller Gesellschaften. Danach hatte die Aristokratie, die ohnehin in Geld schwamm, ökonomisch unproduktive Professionen auszuführen.[ii]Dazu gehörte auch das Militär, die Jagd zum Vergnügen, Religion und Kunst. Die „niederen“ Klassen hatten dagegen produktive Tätigkeiten zu verfolgen, arbeiteten in der Landwirtschaft oder in der Manufaktur. 

Das eigene Faulenzen offen und schamlos zur Schau zu stellen wie einst die Aristokratie, das würden auch die Aristokraten sich heute kaum noch trauen, trotz prall gefüllter Konten. Der niederländische König Willem zum Beispiel verdingt sich in seiner Freizeit als Pilot bei KLM. Man relaxt heute heimlich, bei Kerzenschein hinter zugezogenen Gardinen auf dem Sofa. Hygge (Dänisch für Gemütlichkeit) wird das inzwischen genannt, das hört sich moderner und weniger verwerflich als Faulenzen an.

Unser Selbstbewusstsein beruht stark darauf, was wir schaffen und produzieren. Das gilt auch für die Freizeitbeschäftigungen. Einfach nur zu sein, nicht zu tun, verlangt fast eine wohlüberlegte und wohlformulierte Rechtfertigung. Neeru Paharia, Silvya Belleza und Anat Keinan von der Columbia University machen unser Wirtschaftssystem dafür verantwortlich.[iii] In diesem bemisst sich der ökonomische Wert von Individuen danach, wie gefragt die eigenen speziellen Fähigkeiten sind. Wer beschäftigt ist, zeigt dies in der Regel auch gerne. Denn er demonstriert damit seinen Marktwert. Müßiggänger dagegen benötigen einiges an Selbstbewusstsein, um ihr momentanes Nicht-Gefragtsein ungeniert in die Öffentlichkeit tragen zu können. 

In den 1950er Jahren schrieb der deutsche Philosoph Josef Pieper. „Normal ist Arbeit und der normale Tag ist der Arbeitstag. Aber die Frage lautet doch: Kann sich das Leben allein durch das Arbeitsleben definieren? Ist der Mensch zufrieden damit einfach nur ein funktionierender Arbeiter zu sein? Kann die menschliche Existenz darin Erfüllung finden?“[iv]

Pieper beschrieb Freizeit als einen ganz besonderen seelischen Zustand.  Freizeit sei Nicht-Aktivität, die Abwesenheit von Beschäftigung, Ruhe. Sie biete die Möglichkeit Dinge sein zu lassen, wie sie nun einmal sind, still zu sein. 

Eine kurze Arbeitspause von zehn Minuten, einer halbe Stunde oder vielleicht auch einer ganzen Stunde oder aber der Urlaub sind Teil des täglichen Arbeitslebens. Die Freizeit ist da, weil es Arbeit gibt. Die Pausen sind dazu da, um sich von der Arbeit zu erholen, Kraft zu schöpfen. Doch Freizeit sollte nicht nur existieren, weil es Arbeit gibt. Sie sollte nicht nur dafür da sein, sich von der Arbeit zu erholen, um sich zu erfrischen, um danach wieder mehr leisten zu können. Sie sollte ihre eigene Berechtigung haben, ein Wesen für sich besitzen.

Sehr ehrgeizige Personen klagen oft, dass sie nicht einfach nichts tun können. Es fällt ihnen enorm schwer sich von der gesellschaftlichen Erwartungshaltung zu befreien, nach der Inaktivität nur einen geringen Wert hat, sich rechtfertigt nur durch ihren Erholungs-Charakter. Workaholics schaffen es nicht wirklich loszulassen und innezuhalten, sondern denken stets darüber nach, ob sie nun produktiv genug sind. Sie haben die Fähigkeit verloren sich auszuruhen. Arbeitssüchtige sind eigentlich völlig erschöpft, können sich aber nicht mehr entspannen. Sie verlieren die Freude an ganz gewöhnlichen Dingen wie Ausschlafen, einem ausgiebigen Schaumbad, einem Spaziergang im Park, einem gemütlichen Mittagsessen mit Kollegen, netten Unterhaltungen, die vom Arbeitsstress ablenken und für Zufriedenheit sorgen. 

Für viele bedeutet ein Kürzertreten zudem nicht nicht mehr am Spiel teilzuhaben, aus dem Wettstreit um bessere Posten, mehr Verantwortung, mehr Gewinn auszutreten. Diese Vorstellung führt bei jemandem, der von sehr viel Ehrgeiz getrieben ist, zu noch mehr Stress.  Wer seinen eigenen perfektionistischen Ansprüchen nicht genügen kann, dem werden auch Kurzurlaube nur bedingt helfen. Die Beschreitung des camino del nortes, die grandiosen Ausblicke auf den Atlantik, das tosende Meer unter den Klippen im baskischen Zumeia lassen sich nicht wirklich genießen, solange ein kleiner Mann oder eine kleinere Frau im Innern energisch Produktivität verlangt. Der Mensch wird gestalkt von seinen eigenen Ansprüchen.

Menschen brennen schneller aus, wenn Arbeit keine Grenze gesetzt wird, sie sich in jede Ecke unseres Lebens schleicht. Schon eine Stunde, die man sich aus dem Alltag stiehlt, um etwa einen Roman zu lesen, gemeinsam mit der Familie zu essen, wird überschattet von quälenden Gedanken an die nächste Deadline. 

Wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft und laufen permanent Gefahr, uns häufig inadäquat zu fühlen, auszubrennen und darüber möglicherweise auch depressiv zu werden. Wir wollen die besten Angestellten, Manager, Unternehmensführer, Liebhaber, Eltern sein. Diesen Idealen kann kaum jemand standhalten ohne durchzudrehen. Der französische Philosoph Alain Ehrenberg argumentiert in „Weariness of the Self“[v], dass die individualistische Gesellschaft nicht nur zu mehr Freiheiten geführt hat. Sie hat auch einen größeren Druck aufgebaut, das individuelle Selbst zur Perfektion zu bringen, danach zu streben, etwas ganz Besonderes zu sein, etwas ganz Besonderes zu erreichen, und das auf Dauer.

Burnout ist nicht nur ein Erschöpfungssymptom, nicht nur ein Zeichen dafür, dass man überarbeitet ist. Es ist auch ein Symptom von gesellschaftlicher Imbalance. Arbeit hat ihre Berechtigung. Sie sichert – hoffentlich – unsere Existenz, verschafft vielleicht sogar ein wenig Sinnhaftigkeit. Freizeit sollte aber nicht nur das Dispositiv von Arbeit sein, sondern einen Raum für die Erfüllung von Sehnsüchten schaffen, ein Ort frei von Zwängen und Erwartungen, denen der Welt und der eigenen. 

Siegfried Kracauer empfahl radikale Langeweile als erstrebenswerten Zustand von Entrücktheit.[vi] Nur diese könne den Kopf wirklich freimachen. Er schwärmt davon an sonnigen Nachmittagen am Bahnhof herumzustreunern, sich auf die Langeweile der Gartenbank zurückziehen. Nur dann ließe sich mit lächerlichen, unbeschriebenen Ideen flirten, ein Flow erreichen, der nicht von dieser Welt sei. „Schließlich ist man zufrieden, einfach nur man selbst zu sein, ohne zu wissen, was man tuen sollte.“ Für Kracauer war radikale Langeweile keine Entschuldigung für die Unterwürfigkeit oder Passivität eines Oblomov. Kracauers  Langeweile ist eine politische Aussage. Er möchte, dass wir uns immer wieder von alltäglichen Zwängen befreien, neuen Gedanken nachhängen und vielleicht von einer ganz anderen Zukunft träumen. Warum nicht einfach nur sein, zumindest immer mal wieder? 

 

[i]Selin Malkoc & Gabriela Tonietto (2016): „The calendar mindset: scheduling takes the fun out and puts the work in“; in: Journal of Marketing Research 53(6)[ii]Thorstein Veblen (1899/2009): The theory of the leisure class, Oxford University Press

[iii]Neeru Paharia, Silvya Belleza & Anat Keinan, Harvard Business Review, 15.12.2016: „Why Americans are so impressed by busyness“ 

[iv]Josef Pieper (1958): „Muße und Kult“, Piper Verlag 

[v]Alain Ehrenberg (2009): „The weariness of the self“; Comined Academic Publishing 

[vi]Sigfried Kracauer (1985): „Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit“; suhrkamp

 

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