Das Herz, so kalt: Entfremdung durch Burnout

„Mein Herz fühlt sich ganz kalt an“,

 

sagen manchmal Menschen, die ein Burnout erlitten haben. 

 

Kälte kriecht in die Seele. Tiefe Erschöpfung macht sich breit und geht einher mit dem Gefühl der Depersonalisation, der Entfremdung vom Selbst. Handlungen wirken wie ferngesteuert. Es ist als ob sich ein Schleier zwischen die eigene Person und die Außenwelt schiebt. Man fühlt sich verloren.

 

„Wer bin ich eigentlich?“

 

In dem Roman „Die Wand“ übersetzt Marlen Haushofer fulminant dieses überwältigende und oft furchteinflößende Gefühl in eine sehr beklemmende, apokalyptische, aber sehr leise Geschichte.

 

Eine Frau, Anfang 40, ist bei einem Wochenende in einer Berghütte hoch oben in den österreichischen Alpen plötzlich abgeschnitten von der Außenwelt, getrennt von ihr durch eine unsichtbare, aber undurchdringliche Wand. Hinter dieser Wand ist alles Leben erstarrt. Vor der Wand ist nur noch sie, alleine und offensichtlich entfremdet von sich selbst.  Julian Pösler hat diese  gruselige Geschichte mit Martina Gedeck grandios verfilmt und stellt vor einer überwältigenden Berg- und Endzeitkulisse die Frage:

 

„Was bleibt übrig von einem Menschen, der gezwungen wird sich ganz auf sich selbst verlassen zu müssen?“

 

Die Frau hinter der Wand stellt sich irgendwann ihrer Entfremdung und ihren Ängsten. Sie lernt ihr Leben so zu akzeptieren wie es ist. Sie hat offensichtlich auch keine andere Wahl. Und ihr Herz öffnet sich zunehmend all dem, was um sie herum ist, dem Wald, dem See, den Bergen, den Tieren, den wärmenden Sonnenstrahlen, den Jahreszeiten. Ihr Selbst verschmilzt nach und nach mit der Umgebung. Sie ist ganz bei sich.

 

Menschen mit einem Burnout machen ähnlich existentielle Fragen durch wie die Frau hinter der Wand hoch oben in den Bergen. 

 

„Wie will ich leben?“

„Was ist mir wichtig?“

„Mit wem will ich zusammen sein?“

„Wer bin ich und wer sind die anderen?“

 

Ein Burnout ist schmerzhaft, manchmal zerschmetternd, furchteinflößend. Aber es birgt  auch die Chance zu sich zu finden. 

 

Bei einem langen Spaziergang.

 

Mit einem guten Roman.

 

Durch gute Gespräche.

 

Lautes Lachen.

 

Lieben.

 

Immer wieder.

 

Die Wand verschwindet irgendwann. Und das Herz wird wieder weich.

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